Buurtzorg
Das Modell funktioniert weiter, das Finanzierungssystem bezahlt es nicht
Buurtzorg bleibt das größte funktionierende Beispiel für Selbstorganisation mit mehr als 10.000 Menschen: Teams bis zwölf, keine Teamleiter, rund zwanzig Coaches, ein Backoffice von etwa fünfzig. Die Risse 2026 liegen nicht im Modell. Sie liegen im Tarifsystem, in der Nachfolge und in der Übertragung ins Ausland.
Zuletzt geprüft: 16. September 2026
Warum dieser Stand
Rund 8 bis 9 Mio. € Verlust in der Langzeitpflege 2025, Aufnahmestopp in zwei Regionen seit Februar 2026, dynastische Nachfolge und gescheiterte Ableger im Ausland. Nennbar, aber nie ohne die Risse.
Was ihn zum Beta-Fall macht
- Teams von zehn bis zwölf Pflegekräften versorgen etwa fünfzig Klienten in einer festen Nachbarschaft und machen alles selbst: Aufnahme, Planung, Urlaub, Einstellung, Büromiete, Kontakt zu Ärzten und Kliniken. Ein Team, das über zwölf wächst, teilt sich.
- Keine Teamleiter, kein mittleres Management. Rund zwanzig Regionalcoaches für je vierzig bis fünfzig Teams haben keine Entscheidungsrechte, keine Ziele und keine Boni. Sie stellen Fragen.
- Ein Backoffice von etwa fünfzig Personen in Almelo für die ganze Organisation. Das Intranet BuurtzorgWeb trägt Wissen, kollegialen Rat und alle Teamzahlen, offen und nicht anonymisiert.
- Eine Steuerungszahl: der Anteil abrechenbarer Stunden, den die Teams selbst berechnen. Monatliche Team-Rankings sind öffentlich; es gibt keine Budgets, nur eine Cashflow-Projektion, wie viele neue Teams sich die Organisation leisten kann.
Was belegt ist
- Größe: etwa 14.000 Beschäftigte (9.000 in Pflegeteams, 5.000 in Haushaltshilfe-Teams), mehr als 70.000 Klienten, Klientenzufriedenheit 9,2 von 10, Umsatz rund 400 Mio. € (Kwaliteitsbeeld 2024; Interviews 2024).
- Weniger Stunden je Klient: 73 Stunden im Jahr gegenüber landesweit 85, bei rund 30 % aller Gemeindepflegekräfte und etwa 15 % des Pflegevolumens (Buurtzorg 2024/2026).
- Keine Re-Zentralisierung belegt: keine Regionalmanager, keine Budgets von oben, Coaching-Spanne unverändert. Zentrale Entscheidungen gibt es (keine Freelancer ab 2025, eine zentrale Gehaltsstufe 2022), aber sie setzen den Rahmen, nicht die Arbeit.
- Unabhängige Evaluation (KPMG/Plexus 2015): weniger Stunden je Klient und die beste Patientenerfahrung, aber Gesamtkosten inklusive Klinik und Pflegeheim nur im Durchschnitt.
Wo es Risse gibt
- Geld: rund 8 Mio. € (Skipr, Februar 2026) bis 9 Mio. € (Zorgvisie, März 2026) Verlust in der Langzeitpflege 2025; Lücke etwa 10 € je Stunde; Aufnahmestopp für neue Langzeitpflege-Klienten in Leiden und Salland; bis zu 8.500 Klienten betroffen, falls keine Tarifeinigung kommt. Frühere Verluste: 4,7 Mio. € 2016, mehr als 7 Mio. € 2022.
- Die Ursache ist strukturell: Das Modell braucht weniger, aber höher qualifizierte Stunden, und die Stundentarife bestrafen genau diesen Skill-Mix. Eine überlegene Binnenstruktur schlägt kein feindliches Vergütungsregime.
- Die Nachfolge ist dynastisch: Joost de Blok (Sohn) ist seit Dezember 2023 Mitvorstand und designierter Nachfolger, Thijs de Blok (Sohn) führt Buurtzorg International. Laloux selbst beschreibt Jos de Blok als letzte Instanz bei Konflikten und als einzigen, der Verträge beendet.
- Die Übertragung ins Ausland ist gescheitert: Buurtzorg Deutschland war im Februar 2022 insolvent (dreizehn Standorte, nur München blieb), britische Piloten wurden „von ihren Organisationen wieder absorbiert“, der US-Arm zog sich zurück. Das Modell hängt am niederländischen Finanzierungs- und Ausbildungsumfeld.
- Evidenzlücken: Das Scoping Review von Hegedüs et al. (2022) findet außerhalb der Niederlande keine belastbaren Daten zur Kosteneffektivität; der Titel „Bester Arbeitgeber“ stammt aus 2011 bis 2015 und wurde seither nicht mehr gewonnen; aktuelle Krankenstandszahlen werden nicht veröffentlicht.
- Am BetaCodex-Maßstab: keine Wertschöpfungsrechnung je Team, ein fixer Input-Zielwert (60 bis 65 % abrechenbare Stunden) statt relativer Ergebnismaße, Teamgröße zwölf statt der empfohlenen sechs bis acht.
Urteil
Buurtzorg ist weiterhin der Fall, der zeigt, dass Selbstorganisation im großen Maßstab möglich ist. Es ist nicht mehr der Fall, der zeigt, dass sie sich rechnet. Das ist kein Versagen des Modells; die Verluste liegen genau dort, wo das Tarifsystem Stunden bezahlt statt Ergebnisse. Aber ein Fall, der einen Absatz Erklärung braucht, ist kein Einstiegsfall, und eine Nachfolge, die an die Söhne des Gründers geht, ist die Getz-Falle, nicht der Gore-Beweis für Personenunabhängigkeit.
Für den Vortrag
Beta funktioniert mit zehntausend Menschen, solange der Zahler Ergebnisse bezahlt und nicht Stunden.
Quellen
- Skipr: Buurtzorg lijdt verlies en voert gedeeltelijke cliëntenstop in (2026-02-12)
- Zorgvisie: Jos de Blok - op volledig pakket thuis valt een miljard te bezuinigen (2026-03-24)
- Vakblad Thuiszorg: Buurtzorg sluit deuren voor nieuwe cliënten (2026-03-03)
- Zorgvisie: Buurtzorg verliest 7 miljoen (2023-09-14)
- Zorgvisie: Buurtzorg kiest Joost de Blok als opvolger van Jos (2023-12-08)
- Buurtzorg Nederland: Kwaliteitsbeeld 2024 (PDF) (2025-03)
- Commonwealth Fund: Home Care by Self-Governing Nursing Teams (KPMG findings) (2015-05)
- Hegedüs, Schürch, Bischofberger: Scoping review of Buurtzorg-derived models (2022)
- Martela, Nandram et al.: Buurtzorg - scaling up with hundreds of self-managing teams but no middle managers (JOD) (2024)
- GKV-Spitzenverband: Modellprojekt Buurtzorg Deutschland (Evaluation, Insolvenz 2022) (2022)
- Corporate Rebels: Lessons from going Dutch (Buurtzorg UK) (2020)
- Effectory: World-class Workplaces 2025/26 (Buurtzorg not listed) (2026-05-05)
Weiterlesen
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