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Beta-Bibliothek · Wie Menschen darin arbeiten

Konflikt ohne Vorgesetzten

In einer Hierarchie wandert ein ungelöster Streit nach oben, bis ihn jemand entscheidet. Nimmt man diesen Ausweg weg, braucht es einen Ersatz — sonst verschwinden Konflikte nicht, sie gehen in den Untergrund. Das ist der Teil der Selbstorganisation, der am häufigsten ungebaut bleibt.

Warum man das nicht überspringen kann

Die meisten Darstellungen der Selbstorganisation füllen ihre Seiten mit Struktur und Entscheidungsverfahren und schweigen dazu, was passiert, wenn zwei Menschen sich nicht einigen können, wenn jemand nicht liefert, was er zugesagt hat, oder wenn man sich von einer Kollegin trennen muss. Dieses Schweigen ist kein Versehen — es ist der schwerste Teil.

Die Hierarchie hatte immerhin eine Antwort, wenn auch eine schlechte: eskalieren. Jemand Ranghöheres entscheidet, alle leben damit. Nimmt man das weg, ohne etwas anderes anzubieten, passiert eines von zwei Dingen. Entweder wird der Konflikt vermieden, bis er persönlich wird und jemand still geht — oder eine informelle Autorität springt ein: der Gründer, die dienstälteste Kollegin, wer immer das meiste Ansehen hat. Dann hat man die Hierarchie wiederhergestellt, ohne es zuzugeben.

Eine Struktur, die den Chef entfernt und keinen Weg für Konflikte offen hält, wird nicht friedlich. Sie wird still politisch.

Der vierstufige Weg

Die am besten dokumentierte Antwort kommt von Morning Star, einem Tomatenverarbeiter mit mehreren hundert Beschäftigten und ohne Vorgesetzte, der dasselbe Verfahren seit Jahrzehnten fährt. Die Logik ist einfach: Der Konflikt bleibt so lange wie möglich bei den Beteiligten, und jede Stufe öffnet sich nur, wenn die vorherige gescheitert ist.

1
Das direkte Gespräch

Die beiden Beteiligten

Sie reden miteinander. Das ist die ganze Stufe, und sie löst die überwiegende Mehrheit der Fälle. Die Pflicht ist nicht, erfolgreich zu sein — die Pflicht ist, es zuerst zu versuchen, statt sich seitwärts zu beschweren oder darauf zu warten, dass es jemandem auffällt.

2
Ein Vermittler, den beide akzeptieren

Die beiden plus eine gemeinsam gewählte Kollegin

Scheitert das Gespräch, suchen sie sich gemeinsam jemanden zur Unterstützung — nicht zugewiesen, nicht ranghöher, und ohne jede Befugnis, etwas aufzuerlegen. Die Aufgabe der Vermittlung ist, den beiden zu ihrer eigenen Einigung zu verhelfen.

3
Ein Gremium

Eine kleine Gruppe von Kollegen, wieder gemeinsam gewählt

Scheitert die Vermittlung, hören mehrere Kolleginnen den Fall gemeinsam an. Sie können empfehlen, und ihre Empfehlung wirkt über Ansehen, nicht über Macht. Die Zahl der Fälle, die diese Stufe erreichen, ist klein.

4
Der Eigentümer oder Gründer entscheidet

Die letzte Instanz, selten genutzt

Erst wenn alles andere gescheitert ist, entscheidet die Person, die die letzte Haftung trägt. Diese Stufe existiert bewusst und wird offen benannt — genau das macht sie selten. Eine ehrliche letzte Instanz ist besser als eine vorgetäuschte Flachheit, in der ohnehin jemand entscheidet, nur ohne dass es jemand zugibt.

Warum diese Abfolge funktioniert

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Sie ist abgestuft, nicht alles-oder-nichts

Elinor Ostrom fand dasselbe Muster in Gemeinschaften, die über Jahrhunderte erfolgreich gemeinsame Ressourcen verwalteten: Sanktionen und Konfliktbehandlung müssen mild beginnen. Wo die einzigen Optionen „durchgehen lassen" und „volle Eskalation" heißen, entscheiden sich Menschen fürs Durchgehenlassen — und das Problem sammelt sich an.

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Niemand wird von oben zugewiesen

Vermittlung und Gremium werden von den Beteiligten selbst gewählt. Das unterscheidet es von einem Personalverfahren: Die Konfliktparteien behalten die Verfügung darüber, wie ihr Konflikt behandelt wird — und akzeptieren das Ergebnis deshalb viel eher.

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Der Ausgang ist benannt

Stufe vier ist das ehrliche Eingeständnis, dass jemand die letzte Haftung trägt. Modelle, die das leugnen, bekommen eine inoffizielle Variante davon — und die ist schlimmer, weil sie nicht anfechtbar ist und niemand ihr zugestimmt hat.

Und die Kündigung?

Das ist die Frage, die die meisten begeisterten Gespräche über Selbstorganisation beendet. Irgendwer muss sagen können, dass ein Arbeitsverhältnis endet — und in Deutschland wie in den meisten Rechtsordnungen ist das ein Rechtsakt, der eine juristische Person dahinter braucht, keine Teamentscheidung.

Was sich selbst organisieren lässt

✅ Der Weg davor

  • Das Problem früh benennen, über dieselben vier Stufen.
  • Kollegen geben die Rückmeldung, nicht eine Führungskraft.
  • Ein dokumentierter Versuch, es vor der Trennung zu lösen.
  • Die Empfehlung zur Trennung, getroffen unter Kollegen.
Was nicht

❌ Der Rechtsakt

  • Eine Kündigung unterschreibt, wer dazu rechtlich befugt ist.
  • Betriebsratsrechte, Fristen und Kündigungsschutz gelten unabhängig vom Betriebsmodell.
  • Das Arbeitsrecht kennt kein „die Zelle hat entschieden".

Das ist einer der deutlichsten Fälle, in denen die formelle Struktur eine legitime, nicht wegzudenkende Aufgabe hat. Sie sollte klein sein — aber dafür ist sie da.

Wo es strapaziert

Es funktioniert nur mit psychologischer Sicherheit. Stufe eins setzt voraus, dass Menschen etwas Unangenehmes von Angesicht zu Angesicht ansprechen können. Wo das nicht sicher ist, ist das Verfahren ein Aushang: Alle wissen, dass es existiert, und niemand nutzt es. Erst dieses Fundament bauen, sonst ist der Rest Dekoration.

Kollegen können härter sein als ein Chef. James Barkers Befund gilt auch hier — Kollegen, die über Kollegen urteilen, können mehr Druck erzeugen, nicht weniger, weil es niemanden mehr gibt, zu dessen Aufgabe es gehört, einen Teil davon abzufangen. Ein Kollegengremium ist nicht automatisch milder als ein Vorgesetzter.

Machtgefälle verschwinden nicht. Wenn ein neuer Kollege und der Gründer „gemeinsam" eine Vermittlung wählen, wählen sie nicht auf Augenhöhe. Das Verfahren macht Einfluss sichtbar, es neutralisiert ihn nicht.

Es braucht eine gebrochene, aufgeschriebene Zusage. Das Ganze funktioniert besser, wenn es etwas Konkretes gibt, auf das man zeigen kann — eine vereinbarte Lieferung, eine Nahtstellenvereinbarung, eine übernommene Rolle. Konflikte über vage Erwartungen sind auf Stufe eins sehr viel schwerer zu behandeln, was ein Argument dafür ist, Vereinbarungen überhaupt aufzuschreiben.

Wie BetaOS dazu steht

Zwei von Ostroms acht Prinzipien in der Governance-Sicht fragen genau danach: ob es abgestufte Reaktionen gibt, wenn eine Zusage gebrochen wird, und ob es einen bekannten, niedrigschwelligen Weg für Konflikte in der Zelle und an ihren Nahtstellen gibt. Die meisten Organisationen antworten auf beides mit „nein" oder „unklar" — das ist der Befund und der Grund, warum die Frage gestellt wird.

Der vierstufige Weg selbst ist im Produkt nicht abgebildet. Er ist als möglicher Zustandsautomat skizziert, aber einen Konflikt-Tracker zu bauen, bevor Organisationen überhaupt einen Konfliktprozess haben, wäre die falsche Reihenfolge — und eine Software ist ein schlechter Ort für etwas so Persönliches. Was das Produkt sinnvoll leisten kann, ist die Vereinbarungen sichtbar zu machen, um die Konflikte meist gehen.

Quellen

  • Morning Star Self-Management Institute: der Colleague Letter of Understanding und der vierstufige Konfliktweg (Direct Communication → Mediator → Panel → Rufer).
  • Elinor Ostrom: Governing the Commons. Cambridge University Press, 1990 — Prinzipien 5 und 6 zu abgestuften Sanktionen und Konfliktlösungsmechanismen.
  • James R. Barker: Tightening the Iron Cage. Administrative Science Quarterly, 1993 — zur Kontrolle unter Kollegen.
  • Frederic Laloux: Reinventing Organizations. 2014 — Konfliktpraktiken bei Morning Star, Buurtzorg und FAVI.
  • Amy C. Edmondson: The Fearless Organization. Wiley, 2019 — warum Stufe eins Sicherheit voraussetzt.

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